Innovationsfonds: No-Go für kleine kreative Ideen

Glaubten wir doch anfangs naiv an den Innovationsfonds mit seinen Projekten für neue Versorgungsformen: jährlich 300 Millionen stark, engagiert, will die Gesundheitswelt verändern.
Glaubten wir an unsere Projektidee, wie wir Krankenhäuser entlasten und gleichzeitig eine Sterbebegleitung für „normal“ Sterbende in das bestehende System einführen könnten.
Glaubten wir an eine würdevolle Projektidee, die gleichzeitig der Ethik und den ökonomischen Ansprüchen unserer Zeit gerecht wird.
Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wirt, hier namentlich die Antragskriterien des Innovationsfonds gemacht. Projektleiter, Konsortialpartner sowie Evaluierungspartner sollen ihre Expertise durch ihre bisherigen Forschungsergebnisse und Veröffentlichungen sachgerecht nachweisen. Die Projektkosten für Mitarbeiter werden nach öffentlichem Tarif angesetzt (nur in Ausnahmefällen abweichend) und die Krankenkasse ist bereits ins Projekt einzubinden.
Mit diesen Voraussetzungen sind die meisten Praktiker im Gesundheitswesen von der Antragstellung für neue Versorgungsformen ausgeschlossen.
Die Projektförderung 2016 beweist das sehr eindeutig:
26 Projekte wurden im ersten Jahr gefördert, 15 davon wurden von Universitäten eingereicht oder unterstützt, weitere 9 von Krankenkassen. Das sind 92% der genehmigten Anträge! (Quelle: G-BA, Innovationsausschuß )
Aus dem Innovationsausschuß war zu erfahren, dass Anträge unter 1 Mio Projektkostenumfang sowieso gar nicht berücksichtigt würden.
Wunderbar, kann ich da nur sarkastisch sagen, so scheint der Innovationsfonds ein verkappter Topf von Forschungsmitteln für universitäre Einrichtungen zu sein.
Erinnern wir uns noch einmal:
Einen Beitrag zum Abbau der Sektorengrenzen zwischen der ambulanten und stationären Versorgung soll der Innovationsfonds leisten.
Statt dessen setzt er so hohe Hürden, dass er sich zum No-Go für kleine, kreative Projektansätze von Praktikern entwickelt, die pragmatisch und schnell sinnvolle sektorenübergreifende Veränderungen einführen möchten.
Aber wir bleiben dran! Reichen auch Sie Ihre Ideen in den Innovationsfonds ein, damit die Forschungseinrichtungen nicht unter sich bleiben! „En Marche“ möchte man da rufen…..
Update vom 10.05.17
Gegendarstellung der Stabsabteilung Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, Gemeinsamer Bundesausschuss

„In Ihrer gestrigen Pressemitteilung schreiben Sie: „Aus dem Innovationsausschuß war zu erfahren, dass Anträge unter 1 Mio Projektkostenumfang sowieso gar nicht berücksichtigt würden.“ Die Aussage entspricht nicht den Tatsachen. Unter den Projekten, die bisher positiv beschieden wurden, befinden sich mehrere mit einer Fördersumme von unter 1 Mio Euro.“

Update2 vom 10.05.2017

Die Stabsabteilung Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, Gemeinsamer Bundesausschuss teilt mit, dass die geförderten Projekte auf der Website des Innovationsausschusses veröffentlicht sind: https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/

Unsere Recherche: es gibt bislang 29 gelistete Projekte für die neuen Versorgungsformen. 1 Projekt hat eine Fördersumme < 1 Mio Eur. Unsere telefonische Nachfrage, ob es vielleicht gar keine Beantragungen mit Foerdersumme kleiner 1 Mio gegeben habe und damit ein falscher Eindruck der Bewillingungssumme entstünde, wurde leider nicht beantwortet.

Mortalität und Menge: eine hinreichende QualitätsKorrelation?

Obwohl die Korrelation zwischen Rückkehr der Störche im Mai und Anzahl der Geburten durchaus hinreichend gezeigt werden kann, bringt dennoch nicht der Storch die Kinder. Das ist bitter, aber wahr.

Bei einfachen 2er-Korrelationen hinterfrage ich daher regelmäßig, ob auch tatsächlich ein Sachzusammenhang besteht.
Besonders, wenn aus einem vermeintlichen Zusammenhang politisch, strategische Entscheidungen abgeleitet werden, die, wie in diesem Fall, die Existenz von Krankenhäusern gefährden.

Kann man also eine Wechselwirkung zwischen Ergebnisqualität und Anzahl an Operationen wirklich zeigen und wenn ja, ist sie hinreichend, um eine ganze Krankenhauslandschaft umzugestalten?

Gestützt wird der Zusammenhang bisher durch das Bauchgefühl eines jeden, durch heftig diskutierte und kritisierte evidenzbasierte Untersuchungen und aktuell durch eine Studie der BertelsmannStiftung .
(die Diskussion streitet darum:“Was ist Qualität?“ Solange das nicht geklärt ist, bleiben evidenzbasierte Studien evident, und erklären lediglich das dem Augenschein nach Erkennbare)

Ergebnisqualität wird in der Studie der BertelsmannStiftung definiert als „geringe Mortalität“.
Stirbt der Patient während des Aufenthalts, indem er auch operiert wurde, dann war die Qualität der OP schlecht.
Stirbt er nicht, dann war die Qualität der OP gut.
(meine weiteren Fragen beziehen sich ausschließlich auf die Ergebnisqualität. Einflüsse der Struktur- und Prozessqualität sind gesondert zu betrachten)

Hier beginnen die ersten Fragen:
Wie wird in der Studie sichergestellt, dass der Tod ausschließlich durch die OP eingetreten ist? Oder andersherum gefragt: wäre der Patient auch ohne OP gestorben?
Ländliche Krankenhäuser haben ein überaltertes Einzugsgebiet und leiden unter dem „Selective Referral“-Ansatz (SR). Die Patienten wählen das nächstgelegene Krankenhaus, so entsteht eine negative Selektion. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient aufgrund seines Alters stirbt, ist deshalb dort höher. Eine Wechselwirkung zur OP ist damit aber nicht ableitbar.
Der Zusammenhang Qualität, Tod, Menge lässt sich also nicht ohne weiteres ableiten.

Lebensqualität und Langzeitbetrachtung:
Kommt Qualität wirklich in der Sterblichkeitsrate zum Ausdruck? Oder zeigt sich Qualität nicht vielmehr in einer dauerhaft erhöhten Lebensqualität nach einer OP?
Denn glücklicherweise bleiben ja mehr Patienten nach einer OP am Leben, als dass sie sterben.

Ein Beispiel:
Krankenhaus1 operiert Hüfte auf Menge. Die OP muss schnell und zügig verlaufen. Mit Zement werden kleinere Ungenauigkeiten in der Passform schnell ausgeglichen. Der Patient stirbt nach der OP nicht, wird mobilisiert und entlassen.
Krankenhaus2 operiert Hüfte knapp unterhalb der Mindestmenge. Der Operateur ist ein Künstler und passt die Hüfte exakt ein. Der Patient stirbt nach der OP nicht, ist schneller mobilisiert und entlassen.
Vordergründig sehen beide Beispiele identisch aus. Jedoch hat der Zement aus Krankenhaus1 keine so lange Lebensdauer wie die künstliche Hüfte. Er lockert sich, löst sich, der Patient hat Schmerzen und muss erneut zur OP.
Der Patient aus Krankenhaus2 ist 10 Jahre länger schmerzfrei und genießt eine höhere Lebensqualität.
Ohne die Berücksichtigung der subjektiv empfundenen nachhaltigen Lebensqualität und der Revisionsquote kann die Qualität einer OP nicht seriös festgestellt werden. Eine Langzeitbetrachtung ist also notwendig.

Erfahrene Operateure brauchen keine Menge:
Eigene Interviews mit erfahrenen operativ tätigen Oberärzten haben ergeben, dass die Ärzte zu Beginn jeder OP-Ausbildung durchaus einen Zusammenhang zwischen Menge und Qualität sehen (gemäß der Idee des „Practice Makes Perfect“-Ansatz). Allerdings, und das ist der interessante Punkt, sei nicht das Operieren die Herausforderung, sondern der Umgang mit der Komplikation. Um die Komplikation rasch zu erkennen und richtig zu reagieren, dazu braucht es die Übung, dazu braucht es die Menge an OPs, die dann die Qualität steigern.
Jedoch: ist einmal ein Know-How entwickelt, verhält es sich wie beim Radfahren, dann reichen ein paar OPs im Monat aus, um sein Know-How zu wahren.
Bei erfahrenen Operateuren ist der Zusammenhang zwischen Menge und Qualität also nicht mehr gegeben. (Aktuelle ausländische Studien bestätigen dies.)

Menge macht monoton und unkonzentriert:
Schon Taylor und Ford mussten miterleben, wie sich die Arbeiter gegen eine Monotonisierung ihrer Aufgaben wendeten. Zwar wurden die Arbeiter durch die Wiederholung ein und der selben Vorgehensweise schneller, aber auch unkonzentrierter, gelangweilter, demotiviert und unbeteiligt. Die Fehlerquote stieg.
Zwar hat sich die Idee der Fließbandarbeit bis heute gehalten, aber die Prozesse sind so adaptiert, dass sie die Neugierde des menschlichen Geistes bedienen. Gruppen wechseln sich mit ihren Aufgaben ab, ergänzen andere Gruppen bei Bedarf, sind dazu aufgerufen, Verbesserungsvorschläge zu machen.
Ich hielte es für fatal, wenn wir diese mehr als 100jährige Erfahrung in unseren Krankenhäusern nun erneut nachholen wollten.

Fazit:
Die einfache Korrelation zwischen Qualität=geringe Mortalität und Menge ist also leider nicht gegeben. Damit sind nicht alle Überlegungen zu Konzentration von Leistungsangeboten automatisch hinfällig. Aber um eine sorgfältige Begründung für eine solche Konzentration zu liefern, sollte die Variabilität der statistisch untersuchten Parameter erweitert werden.

Sind Krankenhäuser für ausländische Investoren interessant?

Wann werden ausländische Investoren auch die lukrative Krankenhauslandschaft entdecken?
Ich beobachte eine bestimmte Entwicklung mit Sorge.
Einige Investoren scheinen eine besondere Nische bei Investionen mit öffentlichem Mittelzuschuß gefunden zu haben.
Der WCCB-Skandal in Bonn und nun auch der Verkauf des Flughafen Hahn zeigen in diese Richtung.
Und es ist eigentlich ganz einfach:
Nehmen wir an, ich sei der Investor aus dem asiatischen Raum. Ich möchte gerne eine Krankenhausgruppe in öffentlicher Trägerschaft kaufen und damit Kreis und Stadt von einem enormen Defizit befreien.
Ich formuliere mein Kaufinteresse kurz vor der nächsten Wahl, ich biete eine Summe, die in Politikeraugen hoch ist, ich stelle mich als Investor und Geschäftsführer einer GmbH, die wiederum Teil eines großen Konsortiums sei, vor.
Die Politikerherzen schlagen hoch, die gewonnene Wahl steht ihnen schon ins Gesicht geschrieben und sie möchten gerne sofort das Geschäft mit mir abschließen. Pro forma beauftragt die Politik eine namhafte Beratungsgesellschaft, die prüfen soll, ob es mich auch wirklich gibt. Diese findet zwar nichts im Internet, findet auch keine Kontakte zu mir, findet lediglich den Eintrag einer ähnlich lautenden GmbH in meinem Heimatland. Das allerdings reicht aus, um mich in einem umfangreichen Exposé als glaubwürdig einzustufen.
Im Kaufvertrag lasse ich mir neben den Fördermitteln nach KHG noch einen zusätzlichen Zuschuß der Stadt zusichern, begründet mit den Anlaufschwierigkeiten bedingt durch das hohe Defizit.
Ich zahle die erste Kaufpreisrate zur Hälfte.
Ich setze die Politik mit einem erfundenen Businessplan unter Druck und male das Scheitern des Projektes an die Wand, sollte nicht der gesamte Zuschuß sofort fliessen. Arbeitsplätze seien in Gefahr.
Die Politik, kurz vor der Wahl um gute Stimmung bemüht, zahlt, obwohl der Kaufpreis noch überhaupt nicht geflossen ist.
Ich hebe die Zuschußsumme von meinem Konto ab und investiere in den lukrativen Wohnungsbau in Shanghai. Natürlich nicht ich persönlich, sondern wiederum eine eigens dafür gegründete Firma.
Ich hebe die Förderrate der pauschalen Fördermittel vom Krankenhauskonto ab und investiere in den lukrativen Wohnungsbau in Taiwan.
Die Politik mahnt die zweite Kaufpreisrate an. Ich vertröste.
Die Politik mahnt die zweite Kaufpreisrate an.
Ich sage, dass ich kein Geld habe und auch noch nie hatte und dass sie das doch gewußt hätten, da sie mich ja hätten prüfen lassen durch einen namhafte Beratungsfirma.
Ich verlasse Deutschland.
Ich lebe gut von meinen lukrativen Wohnungsinvest!

So ist es in Bonn passiert, die Meldungen über den Flughafen Hahn laufen in eine ähnliche Richtung.
Städte und Kreise sind häufig auch durch Krankenhäuser sehr belastet, und könnten eventuell auch hier anfällig für Kaufversprechen sein. Ich hoffe sehr, dass das beschriebene Investtheater auf Einzelfälle beschränkt bleibt. Aber trotzdem: Augen auf!

Kommt das Krankenhaus ins Altenheim…

Warum belasten wir den dementen Patienten mit einen Krankenhausaufenthalt? Weder die Krankenhausabläufe noch die Demenz sind auf eine solche Behandlung vorbereitet.
Warum drehen wir den Spieß nicht um und bringen das Krankenhaus ins Seniorenheim?
Dort wird der Bewohner vor Ort in seiner gewohnten Umgebung versorgt. Ein mobiles Einsatzteam des Krankenhauses steht im stetigen Kontakt mit dem Seniorenheim und behandelt solange wie möglich und vertretbar direkt im Bewohnerzimmer.

Viele Gesundheitsverbünde haben doch das Glück, strategisch optimal, Krankenhaus und Seniorenheim in unmittelbarer Nähe zu haben.
Kurze Wege, ausgebildete Fachkräfte, mobile Medizintechnik, innovative Mitarbeiter, Verhandlungsgeschick mit den Kostenträgern: lassen Sie diese vorhandenen Pfründen nicht am Wege liegen, sondern gestalten Sie Neues zum Wohle der Patienten.
Wir unterstützen Sie gerne!

Krankenhausärzte bald arbeitslos?

Statistisch betreut 1 Arzt genau 3 Betten. Diese Quote errechnet sich unabhängig der Krankenhausgröße. Bei einer durchschnittlichen Bettenauslastung von 75% kümmert sich ein Arzt somit sogar nur noch um 2,2 belegte Betten.
Rein mathematisch ist somit das Problem in deutschen Krankenhäusern gelöst.

Wenn wir also die Statistik grob genug fassen, das deutsche Arbeitszeitrecht aussser Acht lassen, Krankheits- und Urlaubsausfälle negieren und den Bedarf nach Schlaf für Ärzte gegen NULL gehen lassen, dann ja dann geht unser Modell wunderbar auf.
Passen wir die Parameter jedoch an, finden wir uns in der harrschen Realität des Ärztemangels wider. Man kann eben doch nicht ungestraft zwei statistische Werte dividieren!

Quelle: www.gbe-bund.de

Komfortstationen statt Dreibettzimmer?

Nein, viele Krankenhäuser folgen zwar dem aktuellen Trend und bieten zusätzliche Komfortstationen an, aber nicht als Ersatz für die altbekannten Dreibettzimmer.
Immer mehr Patienten mit privater Absicherung oder einer privaten Zusatzversicherung lassen sich von ihren Versicherungen (und den Beiträgen aller) ihren Krankenhausaufenthalt in komfortabler Umgebung bezahlen.
Flachbildschirm, Sitzgruppe, Holzfußboden, Minibar, Zeitungsservice, Obstkörbchen, Mamorbad: all das soll zur schnellen Genesung beitragen und den Patienten ein gutes Gefühl vermitteln.
Medizinisch gibt es keine Bevorzugung der KomfortPatienten, so betonen die Kliniken, nur die Zimmerausstattung sei eine andere.

Und dennoch gilt es im Vorfeld bei der Einführung einer Komfortstation mit Hotelcharakter sehr feinfühlig vorzugehen.
Denn nicht nur Patienten erleben diese Zweiteilung zwischen „Kassenpatient“ und „BesserLeut“ nun hautnah und optisch greifbar, sondern auch das Personal wird gespalten.

Es ist sicherlich zu empfehlen, das Personal rotieren zu lassen, damit alle in den Genuß der Komfortstation mit wenigen Patienten kommen. Und sicherlich ist es auch zu empfehlen, bestimmte Vorzüge (z.B. kostenlose Zeitung) auch den Normalstationen zugute kommen zu lassen.

Damit die Komfortstation sowohl zum Erfolg für die Patienten als auch für das Krankenhaus und seine Mitarbeiter wird!

Supercomputer ersetzt das Wissen der Ärzte?

Die Fa. IBM hat ihren Superhirn-Computer WATSON nun auch für den Einsatz im Krankenhaus fit gemacht
Die amerikanische Krankenversicherung WellPoint gab gegenüber dem Wall Street Journal an, dass Watson Ärzte bei der Diagnose unterstützen soll und in der Suche nach Behandlungsmethoden zum Einsatz kommen wird.
Watson kann innerhalb von 3 Sekunden 200 Millionen Seiten Inhalt verarbeiten, in dieser Zeit hat der Arzt gerade mal seinen Taschenpschyrembel aus der Kitteltasche gezogen.
Die Krankenversicherung erhofft sich Einsparungen und eine Verbesserung der Diagnostik durch den IBM Computer.
IBM hingegen erhofft sich MilliardenUmsätze.

Hat ein Computer, der nach Angaben der Patienten und Einspeisung von Untersuchungsergebnissen eigenständig Diagnosen erstellt in Deutschland eine Chance?
Kann dieser Computer die Antwort auf den akuten Ärztemangel sein?

Eine spannende Frage, die ich derzeit mit NEIN beantworten würde. Weder bei Ärzten noch bei Patienten scheint mit die Akzeptanz für ein neues Medium vorhanden zu sein.
Aber ausprobieren würde ich den Watson Computer von IBM doch mal sehr gerne 🙂